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Als der Urlaubstermin näher rückt, werden
vorhandene Radwanderkarten studiert, alte Reisebücher wieder hervorgeholt,
neue Literatur angeschafft, kurz, es wird gnadenlos geplant. Gar hochfliegend
sind die Gedanken: der Jakobsweg in Spanien ist ein Thema, ebenso eine
Reise an die Loire, oder den Rhein bis nach Holland. Aber ich finde zu
jedem Reiseziel einen Nachteil, für dieses ist der Urlaub zu kurz, für
jenes ist die Jahreszeit nicht passend. Schließlich wird eine alte Idee
wieder neu angedacht und variiert: es gibt seit einiger Zeit einen “Burgenradweg”,
der von Mannheim bis Prag führt. Ein Teilstück davon könnten wir doch
fahren! Es ergeben sich gleich noch ein paar Koordinatenpunkte, die dieses
Teilstück eingrenzen: Bamberg wollen wir sehen und Rothenburg ob der Tauber,
Margrit schwärmt mir von Heidelberg vor. Nun, schon steht die Reiseroute
fest. Wir resümieren nochmals unsere Fulda-Weser-Tour und führen daraufhin
folgende Verbesserungen ein: erstens werden wir mehr Zeit für Sehenswürdigkeiten
einplanen, zweitens werden wir ein Zelt mitnehmen, um günstiger übernachten
zu können und nach Etappenende noch im Freien sein zu können.
Wie gewohnt bepacken wir an diesem Morgen
unsere Räder und schlängeln uns durch den Münchner Stadtverkehr zum Hauptbahnhof,
wo wir uns die Wartezeit in einem Café verkürzen. Als es Zeit zum Einladen
ist, sehen wir zu unserem Schreck den ganzen Bahnsteig voller Fahrgäste
und Räder. Aber es sieht schlimmer aus als es ist, unser Adrenalinspiegel
darf sich gleich wieder senken, denn wir haben einen Fahrradstellplatz
reserviert. Warum ist das denn hier so voll? Ach ja, der Zug geht weiter
bis Berlin, da liegen natürlich allerhand Fahrradreviere an der Strecke.
Wir fahren jedoch nicht so lange mit, sondern nur bis Bamberg, das wir
uns heute Nachmittag anzuschauen gedenken. Ein Hotel ist vorbestellt,
nach ein paar Metern Stadtverkehr bald gefunden, der Stadtbesichtigung
steht nichts mehr im Wege. Voller Erwartung - schließlich ist die Stadt
Weltkulturerbe - lassen wir uns durch die Gassen treiben, queren die Regnitz,
wandern Hügel auf, Hügel ab, von Kirche zu Kirche, bis wir uns so richtig
blamieren: halten wir doch überall in der Stadt nach dem berühmten Bamberger
Reiter Ausschau, der in unserer Fantasie ein monumentales Reiterstandbild
sein muß. Ganz bescheiden sind wir dann, als wir im Reiseführer lesen,
daß es sich dabei um eine Skulptur im Inneren des Domes handelt. Dort
sind wir achtlos daran vorbeigelaufen... Ja
ja, etwas Kultur tut uns schon not! Die Hitze macht natürlich durstig,
was gibt es da angenehmeres als einen Biergarten mit Blick auf die Stadt?
Abends machen wir das erste Mal Bekanntschaft mit fränkischen Bratwürsten
und fränkischem Wein.
Unser erster Radltag wird uns in die
Fränkische Schweiz führen, im Radführer macht man uns auf eine hügelige
Etappe aufmerksam. Doch zuerst raus aus Bamberg, ein Stück am Radweg einer
Ausfallstraße entlang, bis wir nach rechts in eine kleinere Straße abbiegen.
Linkerhand nimmt eine monumentale Schloßanlage den Blick gefangen, geradeaus
sieht man die bewaldeten Hügelkette der Fränkischen Schweiz anwachsen.
In Litzendorf verpassen wir den Weg, der uns durch den Wald bergauf führen
soll, wir fahren deswegen gezwungenermaßen auf der Landstraße weiter,
bis wir vor vollendete Tatsachen gestellt werden: ein Hügel kommt näher
und näher (oder wir ihm), kein Tal will sich links oder rechts auftun,
wir müssen also hinüber. Und richtig: man sieht schon die Straße sich
in Serpentinen aufwärts winden. Das ist schon ein saurer Apfel, der uns
da gereicht wird, doch die Steigung ist weniger anstrengend als die Motorradfahrer,
für die diese kurvige Strecke natürlich ein Leckerbissen ist und die überhaupt
keine Lust haben, langsam zu fahren und auf Radler Rücksicht zu nehmen.
Die Aussicht zurück nach Bamberg ist jedoch überragend, in der Ferne sieht
man den Main zwischen blauen Bergen verschwinden. Irgendwann sind wir
oben, trinken uns erstmal den Flüssigkeitsverlust wieder an und dürfen
jetzt das Tal der Leinleiter entlang radeln. Die sehenswerte Landschaft
läßt uns die Anstrengung gleich wieder vergessen, außerdem lädt eine Wirtschaft
auf eine Apfelschorle ein. Heiligenstadt und Aufseß heissen die nächsten
Orte, immer wieder müssen wir steil bergauf und werden mit den Motorradfahrern
konfrontiert, am späten Nachmittag erreichen wir jedoch den Campingplatz
in Waischenfeld.
Wir finden einen schattigen Platz für unser Zelt auf einer fast ebenerdigen
Wiese. Der Spätnachmittag und der Abend ist für uns Stadtmenschen einfach
eine Wucht! Als es schon finster ist, baut sich eine Gruppe Musikanten
mit Violinen, einem Cello und einem Kontrabaß vor einem Wohnwagen auf
und gibt ein kleines Ständchen, ein Potpourri aus bekannten klassischen
Melodien - da hat wohl jemand Geburtstag. Selten hat Mozarts Kleine Nachtmusik
so gepaßt wie heute. Lange halten wir uns noch vor dem Zelt auf, wo zuerst
nur die Venus, dann immer mehr Sterne am Himmel zu sehen sind. Es ist
schön, unterwegs zu sein!
Das Zelt ist erstaunlich schnell abgebaut,
wobei nebenher Kaffee getrunken wird. In Waischenfeld überfallen wir eine
Bäckerei, da wir noch keinen Tagesproviant haben. Gleich am Anfang wird’s
wieder anstrengend, die paar Kilometer bis Pottenstein gehen wieder in
die Beine. Als wir nach einiger Zeit jedoch das Städtchen im Tal weit
unter uns sehen, sind wir froh, nicht in anderer Richtung unterwegs zu
sein. Mit angezogenen Bremsen rollen wir vorsichtig hinunter ins Wiesenttal,
sehen in der Altstadt von Pottenstein ein Straßencafé - die erste Pause
ist fällig! Von oben grüßt eine
Burgruine, die zur Besichtigung einlädt, wir geben jedoch der Tropfsteinhöhle
den Vorrang, zumal der Weg dorthin eben ist. Bis Gößweinstein gilt es
wieder ein paar Höhenmeter zu überwinden, dann sieht man ein Bilderbuchschloß,
nebenan eine romanische Basilika, der wir einen Besuch abstatten. Hier
geben sich Touristen die Tür in die Hand, der Parkplatz am Stadtrand quillt
über vor lauter Reisebussen. Wir verlassen etwas mißmutig diesen Ort,
weil wir keinen offenen Lebensmittelladen finden. Dafür dürfen wir gleich
steil bergab ins Tal rollen. Unten angekommen gibt es zwei Wege, an der
linken oder rechten Flußseite entlang.

Ich interpretiere die Landkarte falsch und
führe uns auf einen Feldweg, der sich am Anfang ganz moderat anläßt, im
Laufe der Zeit aber immer schlechter befahrbar wird und so steile Passagen
beinhaltet, daß wir absteigen und die schweren Räder schieben müssen,
manchmal geht sogar das nur mit äußerster Mühe. Da sinkt natürlich die
Laune, zumal man in einem Gebüschgürtel fährt und von der Landschaft so
gut wie gar nichts sieht.
Es ist schon mitten am Nachmittag aber der
Kilometerzähler zeigt erst 35 km, als wir recht erschöpft an einem Bänkchen
anhalten. Eigentlich reicht es für heute, wir hatten ja beschlossen, diesmal
eine erholsamere Tour zu machen. Der nächste Campingplatz ist gar nicht
mehr soweit weg, kurz vor Ebermannstadt, bis dahin wird es noch gehen.
Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Schwimmbad vorbei, das die vorbeikommenden
Wanderer mit einem Biergarten zum Verweilen einlädt. Das kommt uns natürlich
sehr gelegen.
Der Campingplatz kurz vor Ebermannstadt gehört
einem Landwirt, der seinen Obstgarten einer anderen Bestimmung zuführen
wollte. Es ist ein bißchen “einfach”, wir treffen jedoch nette Leute,
Kanufahrer, die uns vom bequemen Radweg an der rechten Flußseite entlang
erzählen... Margrit wirft mir einen Blick zu, den ich besser nicht deute,
doch es gilt: vorbei ist vorbei! Ich mache mir derweil Gedanken für die
nähere Zukunft, genauer gesagt, für morgen, denn ich überlege, hier vom
Burgenradweg abzuweichen und direkt Rothenburg ob der Tauber anzusteuern,
dann könnten wir den Ballungsraum um Nürnberg und Erlangen vermeiden.
Zum guten Glück gibt es ein attraktive Verbindungsstrecke, den Aischtal-Radweg.
Anhand des Hahnenschreies zu nachtschlafener
Zeit merken wir, daß wir uns auf dem Bauernhof befinden! Während der ersten
Kilometer der heutigen Etappe merke ich die Anstrengung der letzten zwei
Tage noch in den Knochen, aber dieser Tag wird uns kaum Steigungen bringen.
Bis Forchheim radeln wir zuerst an der Bundesstraße entlang, dabei haben
wir entweder Rückenwind oder aber eine leicht abschüssige Strecke, jedenfalls
laufen die Räder konstant über 22 kmh! So haben wir also schon ein paar
geschenkte Kilometer hinter uns, als wir bei Forchheim die Regnitz überqueren
und ins Aischtal hinüberwechseln. Als sich eine Gelegenheit ergibt, erstehen
wir in einer Metzgerei recht preisgünstig ein paar Wurstsemmeln, die nicht
recht alt werden. In Höchstadt an der Aisch bekommen wir das bisher beste
Eis des Urlaubs in einem Eiscafé am Marktplatz. Der Charakter der Landschaft
ist hier ganz anders als in der Fränkischen Schweiz: das Aischtal ist
weit und flach und vom Getreideanbau geprägt. Rechter Hand der Steigerwald,
links in einiger Entfernung die Frankenhöhe, der Talgrund jedoch brettl-eben,
so läuft es kilometerweit dahin. Am Spätnachmittag nähern wir uns Münchsteinach,
ein um ein Kloster herumgebautes Städtchen mit dem schönsten Campingplatz
der ganzen Reise.

Vor dem Eintrudeln auf dem Campingplatz erstehend
wir in einem Tante-Emma-Laden noch die Lebensmittel für unser Abendessen,
dann wird eingecheckt, Zelt aufgebaut, der Feierabend genossen! Gleich
neben uns schlägt ein holländisches Ehepaar ihr Zelt auf, die sind von
Holland aus den Rhein herunter geradelt. 6 Wochen haben die beiden Zeit,
ist das nicht beneidenswert?
Bevor wir Münchsteinach verlassen, schauen wir uns noch die Klosterkirche
an. Das ist bald geschehen, die Straße hat uns wieder. In Neustadt an
der Aisch gönnen wir uns ein zweites Frühstück, während wir das Markttreiben
beobachten, anschliessend durchmessen wir eine Landschaft, die mich an
die Weser-Tour erinnert: flach, gelbe Getreibefelder, siedend heiße Temperaturen
und flirrende Luft über den Feldern! Einmal machen wir Pause im mediterran
anmutenden Innenhof eines Landgutes, einmal kosten wir das in Bad Windsheim
angebotene Eis, verirren uns dabei an diesem Tag das erste Mal, weil wir
nicht richtig aus dem Ort herauskommen.
Eine Durchfahrt durch einen malerische Ort
wird mit einer Apfel- und Bananenpause gekrönt. Nach Bad Bernburg verirren
wir uns das zweite Mal, wobei mir der eine oder andere Fluch über die
Lippen kommt, bis wir uns endlich auf der Zielgerade nach Rothenburg befinden.
Schließlich taucht die Silhouette der mittelalterlichen Stadt am Horizont
auf. Mit müden Beinen kämpfen wir uns die langgestreckte Auffahrt hinauf
- die Hitze hat uns heute fertiggemacht - und rollen an der Altstadt vorbei
die Serpentinen hinunter nach Dettwang ins Taubertal, denn dort gibt es
einen Campingplatz!
Heute ist Radlpause! Wir legen uns aber
nicht auf die faule Haut sondern marschieren zu Fuß hinauf in die Stadt,
wobei es sich ganz gut trifft, daß es heute trübe ist, sogar leicht nieselt.
Rothenburg ist größer und beeindruckender, als ich es von früheren Besuchen
her in Erinnerung habe, die Anzahl der Touristen ist jedoch gleichgeblieben.
Wir wandern an der Stadtmauer entlang und schauen immer wieder hinunter
ins Taubertal und auf die Hügelketten jenseits des Flüßchens: Dort hinauf
soll es morgen also gehen! Als wir uns über die vergangenen Reisetage
unterhalten, kommt mir die Idee, die Tauber ein kleines Stückchen hinunter
zu fahren und einen anderen Übergang ins Jagsttal zu suchen, denn die
im Radwanderführer beschriebene Route birgt wieder etliche Steigungen
in sich, dabei haben wir uns gerade so schön ans Flachland gewöhnt! In
einem Buchhandel erstehe ich eine Landkarte die uns neue Möglichkeiten
aufzeigt und wir ändern den ursprünglichen Reiseplan kurzerhand nochmals
ab...


Der Tag fängt mit einer ganz anderen
Stimmung an, als er aufhören wird! Ganz gemütlich legen wir am Morgen
los. Die Sonne lacht wieder, ein Teilstück des allseits gerühmten Radweges
“liebliches Taubertal” liegt vor uns. Wir sind so entspannt, daß wir sogar
auf die Helme verzichten, die wir vor dem Urlaub erst erstanden und am
Anfang brav aufgesetzt haben. Im Gegensatz zu den ersten Tagen, wo uns
kaum Reiseradler begegnet sind, ist hier natürlich einiges los, immer
wieder werden wir überholt oder überholen selber, die Strecke hier ist
anscheinend wirklich recht beliebt. Es ist aber auch zu schön hier: der
Radweg ist autofrei und angenehm zubefahren, das Taubertal ist recht idyllisch,
die Dörfer und Städtchen fachwerkbunt.
So bewegen wir uns recht aufgeräumt durch
die Landschaft, als ein paar Meter vor mir ein dicke fette Kröte, den
Radweg kreuzt. Ich finde das interessant und lustig, bremse ein wenig
plötzlich, um mir das Schauspiel in Ruhe anzusehen. Margrit bekommt mein
Manöver zu spät mit, legt eine Vollbremsung hin und stürzt recht unsanft
auf den rechten Ellbogen und die Handflächen. Zwar kann sie gleich aufstehen,
aber sie blutet recht stark. Was tun? Wir sind ein paar Kilometer von
der nächsten Ortschaft entfernt. Also waschen wir die Wunden aus und verbinden
sie notdürftig. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als in die nächste
Ortschaft zu radeln, um einen Arzt zu suchen. Das zieht sich aber noch
einige Kilometer hin, bis wir in Röttingen endlich einen Medicus aufstöbern.
Margrit hält tapfer durch. Es ist zwar nichts gebrochen, aber es sieht
gar nicht gut aus und die Ärztin verweist uns ins Krankenhaus nach Creglingen,
etwa 15 km zurück Richtung Rothenburg. Wie soll das nun wieder vor sich
gehen, ohne die Räder? Man bestellt uns ein Taxi. Der Fahrer chauffiert
uns ins Krankenhaus und langsam wird uns klar, daß eine Fortsetzung der
Reise gar nicht so selbstverständlich ist. Tatsächlich sind die Wunden
an den Handflächen “nur” Hautabschürfungen, doch die Ellbogenwunde erfordert
eine Ruhestellung des Gelenkes, denn der Schleimbeutel wird herausoperiert,
die Wunde wird drainiert und Margrit muß mit einer Flasche an einem Schlauch
herumlaufen, in der sich Blut aus der Wunde sammelt - eine recht appetitliche
Angelegenheit.
Der Taxifahrer hat gewartet und jetzt hole
ich mit ihm die Räder von Röttingen bis hierher nach Creglingen, während
Margrit uns im Fremdenverkehrsbüro ein Zimmer besorgt. Als ich das Taxi
bezahle, muß ich trotz der deprimierten Stimmung schmunzeln, denn die
drei Stunden kosten 60,-- DM, für Münchner Verhältnisse ein Spottpreis.
Was nun? Margrit hat in Creglingen ein Zimmer für uns gefunden, es ist
eine Privatunterkunft, wo wir von der Hausbesitzerin sehr freundlich aufgenommen
werden. Sie bietet uns an, eine Ferienwohnung benutzen zu können, falls
wir länger bleiben müssen. Doch wir halten noch die Illusion aufrecht,
daß wir morgen weiterfahren können. Abends sitzen wir in einer Gartenwirtschaft
und versuchen nachzuvollziehen, was dieser Unfall nun nach sich zieht.
Immerhin: die Kröte hat es überlebt!

Bei der Nachuntersuchung am Samstag Vormittag,
eröffnet uns die Ärztin, daß an eine Weiterfahrt nicht zu denken ist.
Vielleicht am Montag, wahrscheinlich aber erst am Dienstag oder Mittwoch.
Jetzt erst realisiere ich erst alles und versuche mit meiner Enttäuschung
fertig werden. Fieberhaft überlege ich mir, wie wir trotzdem Ausflüge
machen können, um nicht an dieses kleine Nest (das zugegebenermassen recht
idyllisch ist) gefesselt zu sein. Wir kommen auf die Idee, ein Mietauto
zu nehmen, doch das ist nicht einfach. Als wir es schließlich organisiert
bekämen fällt mir ein, daß ich meinen Führerschein in München liegen habe.
So verbringe ich den Großteil dieses Tages damit, mich mit der Situation
abzufinden. Irgendwann gelingt mir das auch. Margrit kann nur eine Hand
gebrauchen, benötigt also alle möglichen Hilfestellungen und gerade das
bringt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, schließlich hätte
es auch schlimmer ausgehen können.
Wir nehmen das Angebot der Hauswirtin an uns
siedeln in die Ferienwohnung über, kaufen Lebensmittel ein und machen
es uns in dem kleinen Ort gemütlich. Den Sonntag Nachmittag verbringen
wir unten an der Tauber, schauen den Enten zu, lesen, unterhalten uns.
Am Montag fahren wir mit dem Bus nach Rothenburg, besichtigen nochmals
die Stadt. Am Dienstag nimmt uns die Hauswirtin mit nach Ochsenfurt und
erzählt uns allerhand Wissenswertes über diesen Landstrich. Am Mittwoch
können wir weiterfahren.
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Recht unsicher sind wir heute auf den Beinen
bzw. auf den Rädern, müssen nochmals an der Unglücksstelle vorbeifahren.
Langsam kehren die Lebensgeister zurück, ich habe wieder einen Blick für
die Landschaft. Um die Mittagszeit erreichen wir Weikersdorf, daß mit
einem mittelalterlichen Ortskern und einem Renaissance-Schloß aufwarten.
Heute ist der Tag der Sonnenfinsternis, und während wir unsere Schutzbrillen,
die wir vorsorglich mitgenommen haben, herauskramen, merkt man schon eine
Veränderung des Lichts. Ganz allmählich schiebt sich der Mond vor die
Sonne, es ist zwar bewölkt, doch durch Wolkenlücken sieht man immer wieder
auf das Geschehen. Leider sind wir etwas außerhalb der idealen Beobachtungszone,
deswegen wird es nicht stockdunkel, doch es reicht, um mir Gänsehaut über
den Rücken kriechen zu lassen.

In nachdenklicher Fahrt folgen wir weiter der Tauber. Links und rechts
wachsen Weinberge empor, als wir schließlich Bad Mergentheim erreichen.
Hier besuchen wir das Deutschordensschloß mit Museum und tauchen in die
Vergangenheit des Ritterordens ein, werden - wie schon die ganze Zeit
auf dieser Reise - mit dem Mittelalter konfrontiert. In Rothenburg habe
ich immer versucht, mir die einzelnen Menschen vorzustellen, die am Bau
der Kirchen und Häuser beteiligt gewesen waren, wie sie Stein auf Stein
geschichtet haben, die Straßen gebaut, die Mauern hochgezogen haben. Solche
Gedanken beschäftigen mich auch jetzt, als wir aus dem Museum herauskommen.
Doch die letzten paar Kilometer bis zum Campingplatz
bewältigen sich nicht von selbst, wir müssen also noch ein halbes Stündchen
in den Sattel, bis wir unser Zelt aufbauen können. Margrit hält sich recht
gut, es scheint mit dem Arm einigermaßen zu funktionieren, zudem nähern
wir uns ja rapide dem Ende unseres Urlaubs.
Wir sitzen vorm Zelt, bereiten unser Abendessen zu, öffnen die obligatorische
Flasche Frankenwein, beobachten die gerade ankommenden Radler, lassen
den Tag noch mal vor unserem inneren Auge vorüberziehen...
Als ich heute die Nase aus dem Zelt herausstrecke,
denke ich nur ein Wort: “Herbst”! Es ist kühl, der Nebel liegt im Tal,
die Luft hat eine besondere Beschaffenheit - wie im Frühherbst eben. Obschon
die Sonne den Nebel vertreibt, bis wir reisefertig sind, habe ich das
Gefühl, daß der Sommer fast schon vorbei ist. Dementsprechend melancholisch
ist mir zumute, als wir einen mäßigen Höhenzug hinaufstrampeln, der das
Tauber- vom Jagsttal trennt. Oben angekommen werden wir jedoch auf’s Fürstlichste
belohnt, denn es wartet eine kilometerlange Abfahrt auf uns.

Im Jagsttal angekommen, wenden wir uns nach
Westen, wo der Weg bald in Flußnähe dahin führt. Die Jagst ist hier wohl
ein Kanu-Paradies, jedenfalls tönt immer wieder Stimmengewirr vom Wasser
her. Dieses Tal ist von Ackerbau geprägt, es gibt keine Weinberge. Macht
auch nichts.^In der Nähe von Berlichingen erreichen wir einen großen Klosterkomplex,
wo wir eine Kirche besichtigen, vor der barocker Pracht wir andächtig
den Hut (besser gesagt: den Helm) ziehen. Das Klostercafé versorgt uns
mit Kaffee und Kuchen. Von hier bis nach Jagsthausen ist es eigentlich
nur mehr ein Katzensprung, doch will diese Wegstrecke auf einer stark
befahrenen Straße zurückgelegt werden, was an den Nerven zerrt. In Jagsthausen
gibt es natürlich die Götzenburg zu besichtigen, doch angesichts der touristischen
Aufbereitung des Areals, lassen wir es bei einem Anblick von außen bewenden.
Innerlich denken wir uns jedoch das bekannte Zitat! Unser heutiger Campingplatz
ist eigentlich nur für Club-Mitglieder, aber da wir höflich fragen und
Margrit den verbundenen Arm vorzeigt, dürfen wir als einzige Fremdgäste
für einen Spottpreis die Nacht hier verbringen. Wir haben direkten Zugang
zur Jagst, an deren Ufer wir den Sonnenuntergang erwarten.

An diesem Morgen finde ich mich selber
nicht recht und schleppe eine Zeit lang eine schlechte Laune mit mir herum.
Dabei dürfen wir zuerst ein paar Kilometer durch ein Naturschutzgebiet
fahren, dessen Stille mich besänftigt. Das ist jedoch gleich wieder vergessen,
als wir in Möckmühl das Krankenhaus suchen, um Margrits Arm nachschauen
zu lassen. Das Krankenhaus liegt oben am Berg und bis da rauf gibt es
nur Hauptstraße. Wenn man so aus der Ruhe heraus mit dem Straßenverkehr
konfrontiert wird, wird einem der ganze Wahnsinn dahinter erst so richtig
bewußt. In der Klinik müssen wir den Arzt dazu überreden, daß er Margrits
Arm nicht gleich eingipst, sondern ihr nur einen steifen Verband anlegt.
Es war wohl doch nicht die beste Idee, die zwei Tage noch zu fahren, denn
eigentlich sollte der Ellbogen still gehalten werden, aber das wird nun
in Zürich nachgeholt werden. Uns wird schnell klar, daß die Reise hier
und jetzt zu Ende ist, aber Margrit muß zumindestens noch bis zum Bahnhof
fahren können. Das funktioniert auch. Von Möckmühl aus gibt es zwar keine
Direktverbindung nach Zürich, dafür aber nach Stuttgart, wo wir um die
Mittagszeit eintreffen. In Stuttgart lacht uns das Glück, da der ICE nach
Singen ein Fahrradabteil mitführt, dieses ist zwar ausgebucht, doch es
kommt niemand von den “Reservierten” und wir dürfen die Velos mitnehmen.
Wir fahren den Neckar entlang nach Süden, was natürlich sofort als zukünftige
Radlstrecke angedacht wird. In Singen dann noch den Anschlußzug nach Zürich
und kurz vor 18.00 sind wir wohlbehalten in der Wohnung angekommen. Am
nächsten Tag kommt Margrit mit einem Gips vom Zürcher Krankenhaus zurück...
Trotz des Unfalls ziehen wir ein positives Resumee: wir haben viel mehr
von der Gegend gesehen als bei der Fulda-Weser-Tour, die kürzeren Tagestouren
haben uns gutgetan, das Übernachten auf dem Campingplatz war ein Volltreffer,
es hat soviel Spaß gemacht - und preisgünstiger sind wir auch noch weggekommen!
Wenn man nicht aufpasst, greift der Velovirus
von einem Besitz, er nistet sich ein und lässt einen nicht mehr los. Das
kann sich zum Beispiel so auswirken, daß man auf Tour kritisch und mit
Interesse die Ausrüstung der anderen Radler mit der eigenen vergleicht
und daraus gewisse Schlüsse zieht. Es war jetzt die zweite Radreise mit
dem Pacer Arrow. Es hat wunderbar durchgehalten, aber die sportliche,
unkomfortable Sitzposition passt nicht so recht zu unserer gemütlichen
Fahrweise. Zuhause in München fällt mir ein Prospekt der Firma Utopia
aus Saarbrücken in die Hände, die robuste, maßgefertigte Alltags- und
Reiseräder in ihrem Programm führen, speziell auf komfortables Reisen
mit viel Gepäck ausgerichtet. Und wie es im Leben manchmal so geht, entdecke
ich zufällig in München einen Händler, der diese Räder im Angebot hat.
Fünf Wochen später unternehme ich die letzte Tour in diesem Jahr mit dem
neuen Utopia London, einem Urgestein von einem Rad, die Isar entlang nach
Wolfratshausen.
Was kommt nächstes Jahr? Endlich mal in die
neuen Bundesländer? Es gäbe Fernradwege in Mecklenburg, oder die Elbe
entlang oder den Ostseeküstenradweg...
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