Was in Frankreich auffällt
- das ist zumindest unsere individuelle Erfahrung - ist eine
gewisse Toleranz. Gerade im Strassenverkehr. Klar, jeder will
so schnell wie möglich vorankommen, aber man scheint sich
nicht so sehr über die Behinderung durch andere Verkehrsteilnehmer
zu ärgern, wie man es hier zu Lande tut. Man spürt
nicht diese geballte Aggressivität der Autofahrer im Rücken,
wenn sie wegen einem bremsen müssen und man bekommt auch
nicht deren Verachtung zu spüren, die sich dadurch ausdrückt,
dass man beim Überholen heftiger als nötig auf das
Gaspedal steigt und dem Radfahrer möglichst viel Motorenlärm
oder Abgase an den Kopf pustet. Liegt's an der Mentalität
der Grande Nation oder vielmehr daran, dass man in Frankreich
als Radfahrer einen anderen Stand hat, weil Radfahren hier als
Nationalsport
gilt?
Wie schon früher erlebt, grüssen die Rennradfahrer
sehr zuvorkommend und sind manchmal zu einem Schwätzchen
bereit, was zuhause so gut wie nie vorkommt. Am letzten Tag
hab ich in Paris auch noch grinsende Busfahrer erlebt, die uns
elegant den Vortritt liessen und sich beim Anblick des Liegerades
amüsierten. Hier in Zürich hat mich dagegen mal ein
Busfahrer ziemlich wüst beschimpft, weil ich mit einem
Liegerad unterwegs war. Er stand auf der gegenüberliegenden
Strassenseite an einer Haltestelle und sah mich schon von weitem
kommen und als ich auf gleicher Höhe war, schrie er mir
aus dem Fenster zu, man sollte so Leute wie mich einsperren
Klaro, ich neige natürlich auch zur Intoleranz. Bin ja
kein Franzose. Ich kann zum Beispiel die mutwillige Störung
meiner Nachtruhe nur äusserst schlecht ertragen, vor allem
wenn ich mich in einem Hotel befinde, das speziell auf Stille
ausgerichtet ist. Wir haben uns gestern im Ort Onzain telefonisch
ein Zimmer reserviert und zwar im Chateau des Tertres. Das ist
eine Art Bed & Breakfast Betrieb, der zu der Hotelkette
"Relais
du Silence" bzw. "Silence Hotels" gehört.
Das Chateau liegt adrett auf einer kleinen Anhöhe, natürlich,
wie sich's gehört, mit einem kleinen Park. Man fährt
eine schräge Auffahrt hinauf, wo es Liegestühle und
kleine Tischchen auf der Rasenfläche im Freien gibt. Man
kann auf der Schlossterrasse was trinken, hat einen Blick über's
Loiretal und die Zimmer sind recht gross und stilvoll eingerichtet.
Unser Zimmer liegt im ersten Stock direkt über der Terrasse
mit Blick auf das Loiretal. |
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Und man kann angesichts
der momentanen Hitze einfach nicht mit geschlossenen Fenstern
schlafen.
Was passiert? Abends um 22 Uhr setzt sich eine deutsche
Familie mit zwei Kindern auf die Terrasse direkt unter
unser Fenster, organisiert sich von irgendwo noch eine
Kerze und eine Flasche Wein und fängt lautstark das
Kartenspielen an. Ich fasse es einfach nicht! Bis zwölf
Uhr reicht unsere Toleranz, schliesslich macht sich Margrit
so diplomatisch, wie es eben noch geht, bemerkbar und
erntet zwar einerseits Kichern der Störenfriede,
aber die Gesellschaft zerstreut sich dann doch.
Ich hab wirklich Mühe, mich in die Köpfe dieser
Leute zu versetzen (ähnliches ist mir auf meiner
Frühjahrstour in der Fränkischen Schweiz passiert).
Normalerweise müsste einem das grosse Messingschild
"Relais du Silence" am Eingang und bei der Rezeption
doch sofort ins Auge springen. Und wenn nicht das, dann
doch die ruhige und gediegene Atmosphäre ringsum.
Aber eben, ich bin ja intolerant und verständnislos.
Themawechsel. So war die heutige Etappe: Diesmal kein
Nebel, sondern Sonnenschein schon am frühen Morgen.
Dafür aber erstmal kühle Temperaturen, die
Nacht war wohl ebenfalls wolkenlos und damit kühler
als die letzten Nächte. Im Prinzip geht's heute
genauso weiter, wie es gestern endete, mit abgeernteten
Getreidefeldern bis zum Horizont. Doch es läuft
heute sehr gut und wir kommen gut voran. Auch unterstützt
der Wind erneut und schiebt meist von hinten ein klein
wenig nach.
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So rollen wir durch all die Dörfer mit ihren halbverfallenen
oder teilweise renovierten Natursteinmauern, sehen den ein
oder anderen antiken R4 oder noch eine Diane oder Kastenente
(in der Scheune des gestrigen Hotels stand ein mit einer Plane
abgedeckter MG Sportwagen) in den Höfen vor sich hin
rosten, kommen an weissen Wassertürmen und trutzigen
Kirchlein vorbei. Und allmählich mischen sich auch mehr
Sonnenblumenfelder und sogar Wiesen in die Getreidemonokultur.
Und man sieht auch wieder mehr Vögel, ein paar Turmfalken
und sogar zwei Weihen. Hinter Herbault wird es etwas hügeliger
und ansatzweise grüner und die Landstrasse verläuft
kurvenreich bis hinunter ins Loiretal.
Gegen Mittag checken wir im Chateau des Tertres ein und weil
unser Hotel über kein Restaurant verfügt, machen
wir uns nach der Siesta erstmal auf die Suche nach diesbezüglicher
Infrastruktur. Inzwischen ist es wieder extrem heiss geworden
und nach dem kühlen Zimmer ist das erstmal ein Schock.
So radeln wir etwas benommen runter zum Fluss und queren diesen,
denn auf der anderen Flussseite liegt Chaumont und vielleicht
kann man ja dort in einem Park unter Bäumen etwas essen
oder so. Aber das was wir dort vorfinden, entspricht nicht
so ganz unseren Vorstellungen. Eintritt muss man nicht nur
für das Schloss, sondern auch schon für die dazu
gehörigen Grünanlagen zahlen und im Ort selber sind
wir plötzlich mit Hochtourismus konfrontiert. Laut ist
es. Heiss ist es. Hektisch ist es. Wir kehren um und radeln
wieder zurück, kaufen uns im Supermarkt diverse kalt
zu essende Fertiggerichte und speisen dann im Zimmer. Wegwerfgeschirr
auf Stilmöbel, so muss es sein
Anschliessend ein entspannter Spätnachmittag/Abend auf
den Liegestühlen vor dem Chateau. Und eigentlich auch
eine schöne Nacht mit Sternenhimmel, bis dann die unerwünschte
Beschallung kommt.
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