Sonntag, 8.7.2007. Von Ligsdorf nach Montbeliard (56 Km)

Ligsdorf > Winkel > Durlinsdorf > Mooslargue > Seppois > Ueberstrass > Friesen > Lepuix-Neuf > Suarce > Vellescot > Grosne > Brebotte > Froidefontaine > Montbeliard

Der Krieg, er ist nicht tot, der Krieg
Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur
Er liegt da unter'm Apfelbaum und wartet, wartet - auf dich, auf mich
Er ist nicht tot, der Krieg

Dieser Song von Stefan Stoppok geht mir heute irgendwie den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Das liegt wohl am Traum der vergangenen Nacht. Darin ging's um die unmittelbar bevorstehende Bombardierung der Stadt, in der ich in meinem Traum lebte, und wir wurden alle rigoros in die Luftschutzkeller unter den Wohnhäusern getrieben. Angesichts meiner Klaustrophie hab ich mich mit Händen und Füssen vor dieser Zwangsmassnahme gewehrt und wäre wohl lieber draussen im Freien gestorben, als in einem finsteren Kellerloch verschüttet zu werden… Ich weiss am Morgen nicht mehr, wie die Story dieses Traumes weiter ging, aber mir ist klar, was der Auslöser dafür war: zuhause in Zürich findet zur Zeit das Züri-Fäscht statt. Es werden um die zwei Millionen Besucher erwartet und es gibt jeden Abend ein Feuerwerk der Superlative. Ich hasse Feuerwerke! Mir kommen dabei immer die Bilder der Bombennächte in Dresden, Köln oder den anderen Grossstädten während des zweiten Weltkrieges in den Sinn. Wie die Bomber zuerst diese Leuchtraketen abwarfen, die man wohl "Christbäume" nannte, um ihr Ziel auszuleuchten…und dann eben…na ja…die ganze zerstörerische Ladung. Jedenfalls kann ich Feuerwerke nicht mehr ohne diese Assoziation ansehen und ich vermeide sie, wo immer ich nur kann. Am schlimmsten finde ich allerdings all die Kracher und Böller, die einfach nur lärmend explodieren, ohne den Farbenreigen einer Leuchtrakete zu produzieren. Was hat der Mensch nur für ein komisches Verlangen nach diesem Krach?

Angesichts dieses Traumes könnte man jetzt meinen, ich wäre heute morgen nicht so ganz bei der Sache. Stimmt aber nicht. Ich freue mich auf den zweiten Velotag. Im Prinzip. Was diese Freude ein wenig trübt, ist der Regenschauer, der kurz nach dem Frühstück nieder geht, und vor allen Dingen die Entdeckung, dass ich meine Regenhose zuhause gelassen habe. Ja sowas! Ist mir ja noch nie passiert! Werde ich jetzt auch noch vergesslich? Immerhin war der Regenguss nur von kurzer Dauer und ein paar Minuten später guckt die Sonne auch schon wieder ganz zaghaft durch die Wolken.

Bevor wir losfahren müssen wir leider noch unseren heutigen Tagesplan abändern, denn ein Anruf zur Zimmerreservierung im angepeilten Hotel in Pont-de-Roide klingt ernüchternd: alles voll, alles ausgebucht. In Montbeliard - auch in Reichweite - dagegen könnten wir unterkommen, ergibt ein zweites Telefonat. Nun denn…dann eben Montbeliard. Zwar wollten wir auf dieser Reise möglichst alle grösseren Städte vermeiden, andererseits aber auch dem Zufall eine Chance geben, und so werden wir eben heute hinab ins Doubs-Tal rollen und nicht parallel dazu auf der "Höhe" bleiben. Das hat den Vorteil, dass uns eine eher flache Tour erwarten wird.

Die Ill, ein Wasserlauf, der nach Norden durch's Elsass und sogar durch Strassbourg fliesst, begleitet uns heute als unscheinbares Bächlein auf den ersten paar Kilometern. Ruhig und still ist es am Sonntagmorgen, als wir die kleine D 432 bis kurz vor Winkel dahin rollen, immer wieder mal zum Fotografieren anhalten. Als wir ein paar Minuten später auf die D 79 wechseln, dürfen wir dem Lauf eines anderen Gewässers, nämlich dem Grumbach, durch den Wald folgen. Bergab rollt das hier! Und zwar schneidig! Nordwestlich hinab in Richtung Doubstal. Ohne gross in die Pedale treten zu müssen, gleiten wir durch Durlinsdorf hindurch, durch Mooslargue und fast bis Seppois. Erst hier braucht es wieder den Einsatz unserer Beinmuskeln.

Leider ist die Sonne inzwischen hinter einer dunkel dräuender Wolkenfront verschwunden und ab Friesen fahren wir im Platzregen (wohl dem, der eine Regenhose bei sich hat…). Schade. Das Wetter, meine ich. Denn wir hätten grad fantastisches Velorevier: die D 13 von Lepuix-Neuf bis nach Brebotte ist grad so ein nettes, kurvenreiches und am Sonntag kaum befahrenes Strässchen, wie man sich das als Radfahrer nur wünschen kann. Links und rechts viele Teiche, immer wieder kleine Ortschaften, die Fassaden der Fachwerkhäuschen bunt angemalt, wobei die Fensterläden oft violett oder rosa oder auch schreiend gelb lackiert sind. Zwischendrin ist die Strasse plötzlich wegen Brückenbau total gesperrt, für die Fussgänger hat man allerdings einen kleinen Weg über ein Feld geschaffen. Klar, dass man hier bei dem Regen angesichts des ausgelatschten Pfades fast im Morast versinkt. Warum wird man eigentlich immer nur bei dieser Witterung mit dieser Art von Wegen konfrontiert? Murphy's Law? Jedenfalls bin ich hier zum ersten Mal froh, nicht mit dem Dreirad unterwegs zu sein - das Zweirad lässt sich auf diesem schmalen Pfad zumindest schieben.

Bei Brebotte gibt's ein improvisiertes Picknick an einer überdachten Bushaltestelle (wobei wir uns über die Neugierde der Anwohner amüsieren: warum sonst sollte man ausgerechnet jetzt bei strömenden Regen seine Mülltonne auf die Strasse stellen oder den Hund Gassi führen, wenn man nicht krampfhaft nach einem Grund suchen würde, klammheimlich einen Blick auf die beiden Touristen mit den bepackten Rädern zu werfen?) und ein paar Minuten später hört es auch zu regnen auf. Bei Froidefontaine treffen wir auf den Canal de Rhône au Rhin. Siehe da, man hat hier einen asphaltierten Weg geschaffen. Auf einer Schautafel kann man lesen, dass hier das Teilstück eines Euroveloweges von Nantes nach Budapest gebaut und Ende des Jahres fertig gestellt werden wird. So so. Klingt doch ganz gut, oder etwa nicht?

Jedenfalls rollen wir nun ganz locker und ebenerdig und friedlich auf dem Asphaltweg entlang des Kanals dahin, kramen Erinnerungsfragmente der 2001er Reise hervor und versuchen diese mit dem, was wir heute sehen, halbwegs in Einklang zu bringen. Manches kommt uns noch bekannt vor, das meiste haben wir aber nicht mehr parat - sind halt doch schon sechs Jahre vergangen und es liegen andere Reisen dazwischen. Ein Radfahrer, der uns schon zweimal überholt hat, wartet an einer Kreuzung auf uns und weist uns auf eine Umleitung des Radweges hin. Irgendwo weiter vorne wird wohl an einer Schleuse gebaut und da gibt es kein Durchkommen, weder für Radler noch für Fussgänger. Unser freundlicher Radler begleitet uns bis zum Ende der Umleitung, damit wir uns nicht verirren. Auch nett, so was! Ich sag's ja: als Radfahrer trifft man in Frankreich immer auf Gleichgesinnte!

Irgendwie hab ich die Durchfahrt durch Montbeliard als unangenehm in meiner Erinnerung abgespeichert. Ich glaube, wir sind damals verbotener Weise durch ein Gewerbegebiet geradelt. Irgendwas war da auf jeden Fall. Umso erstaunter bin ich, dass man hier jetzt alles für den Radfahrer getan und fleissig Schilder aufgestellt hat. Dadurch kommen wir völlig problemlos auf dem schon erwähnten Kanalweg bis in die Nähe der Innenstadt und in dieselbe hinein und finden auch unser Hotel gleich auf Anhieb.

Hier sind am späten Sonntagnachmittag die Trottoirs hochgeklappt. Montbeliard liegt fast wie ausgestorben vor uns, als wir zu einem Besichtigungsgang aufbrechen. Erst als der Spätnachmittag in den frühen Abend übergeht, bevölkert sich das Städtchen. Mir kommt Quedlinburg in den Sinn. Vielleicht wegen eines lang gestreckten Platzes, an dem wir, in einem Strassencafé sitzend, die Szenerie beobachten. Hier ist es nicht so kitschig überrenoviert wie im Elsass (wie in Colmar zum Beispiel), die Stadt wirkt natürlicher. Unnatürlich ist dagegen, dass ausgerechnet am Sonntagabend die meisten Restaurants geschlossen haben. Wir landen schliesslich in einem turkmenischen Restaurant und bekommen Kebab serviert. Allerdings nicht am Bratspiess gebrutzelt, sondern eher nach Art Römertopf (erklärt mir Margrit) und mit Erbsen und Bohnen zubereitet. Dazu Hirse und lecker Fladenbrot. Schmecken tut's prima.