Sonntag, 15.7.2007. Von Langres nach Bourbonne-les-Bains (46 Km)

Langres > Peigney > Plesnoy > Marcilly-en-Bassigny > Varennes-sur-Amance > Coiffy-les-Bas > Bourbonne-les-Bains

Gestern war Nationalfeiertag in Frankreich und wir haben eine unruhige Nacht hinter uns. Wie es bei diesen Temperaturen so ist (wir haben mittlerweile heisses Sommerwetter!), will man natürlich bei offenem Fenster schlafen, damit ein laues Lüftchen für Abkühlung sorgen möge. Aber es wird halt auch hier geknallt und geballert und der dunkle Bass, der von einer Teknoparty herüberdröhnt, gesellt sich noch zur eh schon bunten Geräuschkulisse. Das erwartete laue Lüftchen hebt sich dann wirklich, es frischt im Laufe der Nacht sogar zu Sturmstärke auf und lässt sämtliche Fensterläden der Häuser in unserer Strasse auf und zu knallen. Ach Gott ne...aus welcher Richtung bläst das denn bloss?

Jedenfalls sitzen wir morgens unausgeschlafen vor unserem Kaffee und brüten vor uns hin. Dabei war der gestrige Abend noch so schön! Vor dem Essen gemütliches Sightseeing in Langres. Der Panoramablick von der Stadtmauer über das Land mit dem Lac de la Liez in der Ferne, auf dem man sogar die Segelboote erkennen konnte. Und dann das warme gelb-orange Licht, das durch die Fenster ins Innere der Kathedrale aus dem zwölften Jahrhundert fiel. Nicht zu vergessen das bisher beste Abendessen dieser Reise auf der Terrasse des "Cheval Blanc", das mal entweder Teil einer Kirchen oder eines Stadtschlosses war (nicht das Essen, sondern das Hotel!). Getoppt, wenn überhaupt, nur vom Abendessen im "Romanee" in Dole oder in der Moulin Bas in Ligsdorf am ersten Tag. Trotzdem will ich nicht verhehlen, dass uns nach einer Woche französischer Küche die Energie ausgeht. Es fehlen die Kohlehydrate, denn mit Beilagen à la Nudeln oder Kartoffeln hat man es hier nicht so, wie ich schon erwähnte. Die gibt's höchstens als kleinen Farbtupfer mit dazu.

Dann brechen mir beim Auschecken aus dem Hotel die Zacken der Verschlüsse BEIDER Ortlieb-Taschen ab! Bei beiden Taschen zugleich, man möcht's nicht glauben! Also gibt's jetzt erstmal ein Provisorium mit Schnürsenkeln, bis ich mir was anderes überlegt habe. Dreizehn Jahre hab ich sie jetzt, die guten Roten! Ich hab sie neben ihrer eigentlich Funktion als Reisetaschen abwechselnd auch auf jeder Tagestour zuhause und über mehr als sechs Jahre täglich auf dem Weg zur Arbeit benutzt. Wenn sich jemals eine Anschaffung rendiert hat, dann waren es diese Taschen! Aber vielleicht ist wirklich auch mal Zeit für eine neue Garnitur. Mein Geburtstag kommt ja irgendwann mal…

Bis zum Ruhetag in Dole war noch offen, wie wir diese zweite Reisewoche angehen würden. Auch wenn ich eingangs geschrieben habe, dass für diese Reise nicht viel geplant war, so hatte ich doch einige Ideen in petto. Ganz ursprünglich sprachen wir von einer Rundreise, so eine Art lang gezogenes Oval mit Basel am östlichen und vielleicht Dijon am westlichen Rand. Gerade ein kleines Flusstal westlich von Dijon, das Tal, in dem der Fluss Ouche und der Canal de Bourgogne fliessen, geisterte mir im Kopf herum. Auf unserer Bretagnereise vor ein paar Jahren, als wir auf der Autobahn vorbei brausten, konnten wir einen Blick in dieses Tal werfen und dieser Anblick blieb mir im Gedächtnis haften und dort wollte ich mal mit dem Fahrrad unterwegs sein. Aber als wir vor ein paar Tagen aus dem relativ engen Doubstal wieder auf- und in die weite Landschaft um Dole herum eingetaucht waren, stand uns der Sinn einfach nicht nach nochmals beengten Verhältnissen. Deswegen nun auch diese beiden Tagesetappen nach Norden, zuerst halbwegs parallel neben der Saone in deren breiten Tal nach Norden bis Bèze und am nächsten Tag in der gleichen Marschrichtung weiter bis Langres - zwei Tagesetappen, bei denen der Blick wieder frei zum Horizont schweifen konnte und dieser nicht von einer engen Talwand verstellt war. Doch wie jetzt weiter? Gestern sprachen wir davon, noch weiter nach Norden zu radeln und vielleicht Nancy zu erreichen, heute jedoch sind wir wieder zurück zur Idee der Rundreise gekommen und lenken unsere Räder tendenziell gen Osten. Die Gegend zwischen Epinal, Vesoul und Belfort interessiert uns genauso wie die weiter im Norden liegenden Landschaften und man kann in zwei Wochen eh nicht alles sehen, was man sich so wünscht.

Um halbzehn radeln wir aus der Stadt, neugierig (und auch ein klein wenig bang) aus welche Richtung denn nun der Wind zu erwarten ist, ob er sich uns als Widersacher oder als guter Freund zu erkennen geben wird. Vorher haben wir uns noch aufgrund oben beschriebener Überlegung ein Zimmer im Hotel des Sources in Bourbonne-les-Bains reserviert. Als wir den Canal de la Marne au Saone queren und rechts in Richtung Peigney abbiegend die grosse D 74 verlassen, fällt uns ein Stein vom Herzen: der Wind bläst aus süd-westlichen Richtungen, wir werden ihn also als unterstützende Kraft wahrnehmen. Noch dazu wird er kühlend wirken.

Vor Peigney erklimmen wir wieder das Plateau und die kleine D 52 führt uns mit leichtem Wellenschlag nach Osten, bis es bergab nach Plesnoy geht, wo gerade die Sonntagsmesse beginnt. Nach Marcilly-en -Bassigny nochmals durch einen Wald bergab, und zwar ziemlich lang, bis ein Tal, durch das sich das Flüsschen Presles windet, den Abwärtstrend stoppt. Seufzend nehmen wir auf der anderen Talseite den gleich langen Anstieg in Angriff. "Wie gewonnen, so zerronnen", geht einem da durch den Kopf. Immerhin hat man nun beim langsamen Anstieg Zeit, sich über alles mögliche Gedanken zu machen. Zum Beispiel über all die schönen grossen Bäume, die Platanen, Kastanien, Weiden und Linden, die wir auf dieser Reise in Gärten, Wäldern und Parks gesehen haben oder als altehrwürdige Schattenspender auf den Dorfplätzen. Zudem liegt mir heute den ganzen Tag der gestrigen Mord an der Spinne im Magen. Ich kann so was, je älter ich werde, desto weniger akzeptieren und trotzdem hab ich es gestern nicht verhindert. Nur weil uns davor schaudert und wir davor Angst haben, dass uns die Achtbeinige vielleicht in der Nacht über's Gesicht klettert, haben wir jetzt das Leben dieses ungeliebten und doch unschuldigen Geschöpfes ausgelöscht. So liege ich heute mit mir selber im Streit. Und weil ich schon beim Thema Magen bin: irgendwie fühlen wir uns heute körperlich nicht so recht wohl. Es rumort bei uns beiden in den südlichen Gegenden unserer Körper und während ich nur ein hoffentlich nicht viel versprechendes Grummeln bemerke, ist Margrit etwas heftiger beeinträchtigt. So liegt heute nach einiger Zeit unser Hauptaugenmerk nicht beim Radeln, sondern eher bei unserer Gesundheit. Und obwohl die Etappe heute an sich recht kurz ist, kommen wir nur höchst zähflüssig voran.

Bei Varennes-sur-Amance lassen wir den Wald hinter uns und biegen in die D 158 nach Coiffy-le-bas ein. Hier finden wir erneut eine veränderte Landschaft vor, die Hügel rings um uns sind wieder etwas steiler geworden und es herrscht Weidewirtschaft vor. Und nach Coiffy wartet nochmals ein drei Kilometer langer Anstieg auf uns, bevor wir endlich hinab nach Bourbonne-les-Bains rollen können.

Später im Hotel wird uns klar, dass wir wohl besser einen Ruhetag einlegen: unsere beiden Mägen sind verstimmt und der Tarif, den uns unsere Körper durchgeben, ist eindeutig: Ruhe wollen sie haben, die Körper!