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Sonntag, 3. Mai. Von Mengen nach Ehingen (57 Km)

Heute will ich mal ganz lieb zu mir selber sein und mir nur Gutes tun, also keine Strecke machen, sondern geniessen und ausgiebigst Landschaft gucken. Im Klartext bedeutet das, dass ich eine kurze Etappe plane und nicht bis fast nach Ulm durchziehe, wie es sich angesichts der (meist) flachen Topografie anbieten würde. Nein, nur bis Ehingen will ich gelangen. Dort gibt's zum Beispiel das Hotel Linde, das ich mit seinem 80er-Jahre-Turnhallen-Charme recht gerne mag und per Telefon hab ich mir gestern dort ein Zimmer reserviert. Mir gefällt dieser Abschnitt der Donau. Sehr sogar. Erstmal das weite Tal von Mengen bis so circa Zwiefaltendorf und im weiteren der hügelige Abschnitt, der sich bis nach Munderkingen hin zieht. Leider hab ich diese Gegend in genau dieser Fahrtrichtung, also in Flussrichtung, noch nie bei Sonnenschein gesehen, immer gab's hier trübes, regnerisches Wetter. In der anderen Richtung ist mir das zwar schon mehrmals vergönnt gewesen, doch erbsenzählerisch, wie ich heute Morgen veranlagt bin, zählt das nicht wirklich.

Und was zeigt der Blick aus dem Fenster am Morgen? Dichte Nebelschwaden. Mist! Sagt der Engländer. Zwar sind die Wetterprognosen für den heutigen Tag sehr gut, doch gestern gab's noch ein heftiges Gewitter und es regnete bis tief in die Nacht hinein und so präsentiert sich die Landschaft nun eben erstmal Nebel verhangen. Trotzdem stehe ich pünktlich um acht Uhr vor verschlossener Gastzimmertür und begehre ungeduldig sowohl Einlass als auch Frühstück, doch der Wirt (der ein netter und angenehmer Zeitgenosse ist und recht gut kocht) hat verschlafen. Nun, das kommt in den besten Familien vor und es kann ja auch keiner was dafür, dass meine innere Uhr so komisch tickt und ich eigentlich um sechs Uhr früh schon wach bin und mit den Füssen scharre.

Nach dem Frühstück tauche ich erstmal in die Nebellandschaft ein. Es ist mild und im Prinzip ja auch durchaus eine interessante Stimmung. Jedenfalls sitzt der "Schock" wegen der nicht eingetroffenen Morgensonne und meiner viel geliebten Morgenbläue nicht wirklich tief und ich bin guter Dinge, als ich mich aus der Stadt und dem Umgehungsstrassengürtel heraus gearbeitet habe. Still ist es. Still, still und nochmals still. Die Lerchen allerdings sind geschäftig und tirillieren was das Zeug hält und sonst gibt's da noch eine Anzahl Krähen, die einen eher weniger melodischen Gegenpol bilden (aber sie gehören trotzdem zu meinen Lieblingsvögeln. Dylan und Jagger können ja auch nicht singen und man schätzt beide ungemein), das war's dann aber schon. Irgendwie ist das auf jeden Fall auch Balsam für die Seele, so ruhig im Niemandsland vor sich hin zu radeln. Als es einmal ein paar Meter direkt neben der Donau entlang geht, sehe ich eine Bisamratte gemütlich den Fluss queren. Kurz vor Binzwangen, ungefähr da, wo die "vorgeschichtliche Befestigungsanlage" Heuneburg linkerhand auf einem Hügel auftaucht, lichtet sich der Nebel allmählich und ein paar Kilometer weiter, bei Riedlingen, hab ich endlich blauen Himmel. Na also. Geht doch!

Nun sieht alles gleich ganz anders aus: die Ebene mit dem Fluss, rechts der Blick auf den Berg Bussen, der im Gegenlicht zwischen Bäumen und Buschwerk hervor schimmert, links die Ausläufer der Schwäbischen Alb mit den Wäldern, die in einem satten Blau-Grün in der Sonne glänzen. Genau so hab ich mir das vorgestellt! Ich sauge das alles auf wie ein Schwamm und fotografiere mich durch die Landschaft und plötzlich ist alles irgendwie rund und in sich stimmig. Gutes Gefühl, das.

Die folgende Zäsur kommt natürlich nicht überraschend, ich kenne diese Strecke ja inzwischen zur Genüge: Nach dem Ort Zell will die Donau auf einer Eisenbahnbrücke überquert werden, und zwar auf einer Art Gitterrost mit Geländer. Ich hab mir im Vorfeld nicht so recht vorstellen können, wie das mit dem Trike gehen soll und mich schon auf eine Tragestrecke vorbereitet. Aber siehe da, der Steg auf der Brücke ist etwa einen Meter breit und das Trike eben nur neunzig Zentimeter. So komme ich ohne Schwierigkeit hinüber. Und auch die sehr steile Auffahrt vom Donautal auf das Höhenniveau der Bundesstrasse bei Datthausen lässt sich irgendwie bewerkstelligen, wenn es auch grenzwertig ist, denn hier bräuchte ich eigentlich noch eine leichtere Übersetzung.

Oben angekommen tut sich eine neue Landschaft auf: hügelig geht's nun weiter. Ein Weilchen auf dem Radweg entlang der B 311 und wieder hinunter ins Flusstal nach Rechtenstein, das von der Mittagssonne beleuchtet wird, während die Klosterkirche in Obermarchtal majestätisch im Gegenlicht auf ihrer Anhöhe thront. Nun die Strecke am Bahndamm entlang bis nach Untermarchtal, mit Jurafelsen und Aussichten auf den in der Sonne gleissenden Fluss. Ich hab das Fotografieren immer noch nicht satt und halte alle Nase lang an, um irgendwas zu pixeln oder sitze manchmal auch nur still auf dem Trike und beobachte und lasse alles auf mich wirken. Trotzdem wird man irgendwie auch dabei müde und um die Mittagszeit mache ich in der Altstadt von Munderkingen erstmal eine längere Pause in einem Strassencafé. Später, in der Teichlandschaft zwischen Rottenacker und Ehingen, überholt mich noch jemand mit einem Flux Liegerad, allerdings nicht meinem Modell, sondern einem C 500. Ei der Daus! Der hat's aber eilig! Ich nicht, denn ich bin eh gleich im Einzugsgebiet der Stadt und checke ein paar Minuten später im Hotel ein. Da gilt es noch das Rad durch die Gänge des Hotels bis zum Abstellraum zu bugsieren und dann steht der Rest des Tages zur freien Verfügung.

Morgen soll das Wetter mies werden, deswegen werde ich genau das machen, was ich heute um jeden Preis vermeiden wollte, nämlich Strecke. Mein erstes wirkliches (emotionelles) Reiseziel ist - neben der heutigen Etappe - das Altmühltal, auf das ich bei Gunzenhausen treffen möchte. Dieses Tal wollte ich schon seit längerem wieder mal befahren, und zwar von - eben - Gunzenhausen bis hinunter nach Kehlheim, wo der Fluss in die Donau mündet. Nur weiss ich noch nicht so genau, wie ich vom Donautal nach Gunzenhausen gelangen möchte. Fest steht nur, dass ich nicht schon wieder die Route über das Lone- und Brenztal nach Heidenheim und Aalen nehmen möchte, denn das liegt mir irgendwie von der letzt jährigen Deutschlandtour noch so sonderbar im Magen. Also werde ich wohl erstmal bis Donauwörth dem Donauradweg treu bleiben.