Der Wetterfrosch spricht eine deutliche Sprache: Obzwar der Christi Himmelfahrtstag strahlend schön und sonnig werden soll, wird ihm eine bitterkalte Nacht vorausgehen, man hört sogar von Bodenfrost bis in tiefere Lagen. Deswegen wollen wir ausnahmsweise mal ein wenig später losziehen und der Sonne Gelegenheit geben, sich richtig in Szene zu setzen und die Luft etwas an- oder vorzuwärmen. Trotzdem (Ungeduld bei Reisebeginn gehört zu unseren hervorstechendsten Wesenszügen) sind wir dann doch schon um halb neun unterwegs. Klar, warum soll man untätig zuhause herum sitzen, wenn man eh schon reisefertig ist?

Wie üblich bei Nordabflug gilt es erst den Bahnhof Oerlikon zu unterqueren und durch das "Glasscherbenviertel" jenseits des Bahnhofes zu rollen. Hier findet ein reges Nachtleben mit den dazugehörigen Auswüchsen statt und deswegen fährt man morgens entweder durch ausgedehnte Scherbenfelder oder kommt manchmal - durchaus auch bis in den späten Vormittag hinein - in Kontakt mit diversen Individuen, die den Weg (noch) nicht nach Hause gefunden haben. Jeder kann sich denken warum. Hat man das ohne Reifenpanne hinter sich gebracht, folgen die ersten Kilometer auf dem Radweg entlang der Glatt in Richtung Rhein. Hier gibt es sowohl kurze Kletterpartien als auch Naturwege mit teilweise ruppiger Oberfläche, man hat im Prinzip also einen Vorgeschmack darauf, was in den nächsten Tagen und Wochen auf einen zukommen mag. Wir können schon mal das Verhalten der bepackten Räder beurteilen und dieses Urteil fällt positiv auf. "Basst scho" sagt man dazu in Österreich.

Den Flughafen hinter uns lassend, zweigen wir von der Glatt ab, radeln am Naturschutzzentrum Neerach vorbei und kommen bei Weiach schliesslich an den Rheinradweg. Ein paar Minuten später, in Kaiserstuhl, rollen wir die steile Altstadtgasse hinunter und setzen über den Rhein, der von jetzt an unser Begleiter sein wird.
  Wir haben uns wieder für die deutsche Flussseite entschieden, weil der Radweg hier eine Spur naturnäher geführt wird. Erst bei Basel werden wir dann erneut über den Rhein setzen und linksrheinisch weiterradeln. Der Wind bläst jetzt frisch aus Osten und unterstützt uns ausnahmsweise mal, solch seltene Geschenke muss man auch anzunehmen wissen. So kommen wir gut voran - nicht schlecht am Anfang einer Reise. Und nicht nur wir geniessen den sonnigen Feiertag. Auch andere wissen sich bei diesem Wetter zu helfen: Irgendwo in einem Garten sitzen zwei auf einer Hollywoodschaukel und prosten sich mit funkelndem Rosé zu.

Tiengen kommt, dann Waldshut, und für eine Zeit lang schwimmt man mit den motorisierten Verkehrsteilnehmern mit. Später wird es wieder ruhig, weil man auf eine langgezogene Insel im Rhein geschickt wird, auf der sich nur Radfahrer und Fussgänger vergnügen dürfen. Mittags findet man uns auf genau dem Campingplatz, auf dem wir damals während unserer Hochzeitsreise mal einen Pausentag bei strömenden Regen verbrachten. Hier gibt's nicht nur die ersehnte Zwischenmahlzeit, man wird auch schon um die Mittagszeit mit lauter Technomusik beschallt. Hmmm, schade. Immerhin reduzieren sie die Lautstärke auf Anfrage auf ein halbwegs erträgliches Mass, dabei beschleicht uns allerdings das Gefühl, regelrechte Spielverderber zu sein.

Das Etappenende kommt unaufhörlich näher und wir checken in einem Landgasthof in Luttingen, das liegt kurz vor Laufenburg, ein. Wir verbringen den Rest des Tages im mit viel Liebe angelegten Innenhof, immer knapp am Frösteln, denn heute bleibt es trotz Sonnenschein den ganzen Tag über recht kühl.
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