Am frühen Sonntagmorgen ist die Stadt so gut wie menschenleer, da gehört sie einem. Der gestern vermisste Alte mit dem Fahrrad fährt heute eine Weile vor uns her, allerdings ohne Baguette, vielleicht ist er auf dem Weg zu seinem Schrebergarten. Wir folgen ihm und fädeln uns aus der Stadt, rollen ein paar Kilometer den Canal de Colmar entlang, bis wir bei Jebsheim Richtung Norden abbiegen, auf derselben Strecke, die wir von unserer Lothringentour 2006 her schon kennen: Über Ohnenheim, Hessenheim, Mussig, Muttersholtz, bis zum Ort Sand, wo wir uns - wie damals auch schon - im "La Charrue" eingemietet haben.

Wieder ein sonniger und schwülwarmer Tag. Nur mit dem Unterschied, dass der Wind heute gegen uns ist. Im Laufe des Vormittags wird er immer frischer und wir müssen uns recht dagegen stemmen. So wird diese relativ kurze Etappe zur anstrengendsten der ganzen Reise werden und wir kommen um die Mittagszeit recht abgekämpft im Hotel an. Da unser Zimmer um diese Tageszeit noch nicht bereit ist und der Hunger an uns nagt, lassen wir uns im Restaurant einen Tisch zuweisen. Etwas unwohl fühlen wir uns schon mit unseren durchgeschwitzten Veloklamotten unter all den anderen Gästen im Sonntagsstaat, aber keiner rümpft die Nase, niemand öffnet die Fenster (die sind ohnehin schon offen), niemand rückt von uns ab.
 

Im La Charrue haben sie den Speisesaal neu renoviert und auf modern getrimmt. Schade eigentlich, denn der antiquierte Look mit den Hirschgeweihen an der Wand stand dem alten Saal ganz gut, hatte ein bisschen Jagdschlossflair. Immerhin: das Restaurant ist voll bis auf den letzten Platz, also scheint der Wirt keinen Fehlgriff getan zu haben. Der Frühstücksraum ist aber immer noch im alten Elsässer Wirtshausstil gehalten. Man isst hier übrigens sehr gut.

Nachmittag und Abend gehören der Kontemplation, kein Sightseeing heute, nur lesen, schreiben und den Pinot Noir probieren, den uns der Wirt empfohlen hat. Im Gegensatz zum Huninguer Wirt wundert sich der heutige über unsere kleinen Velos. Es will ihm nicht in den Kopf, dass die Laufradgrösse nichts mit der Entfaltung zu tun hat, weil Gangschaltung, Ritzel und Kettenblatt angepasst sind.

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