Heute gibt es nichts zu meckern, was das Wetter anbelangt. Zwar hängen noch Restwolken eines nächtlichen Gewitters in den Gipfeln der Vogesen und des Schwarzwaldes, doch hat uns das weder gestern tangiert, noch wird es uns heute betreffen. Und es bleibt schwül-warm.

Wir segeln nach Osten, auf den Canal du Rhône au Rhin zu und nehmen den asphaltierten Kanalweg nach Strassbourg. Hier sind wir wieder auf der offiziellen Rheinroute, die wir vorgestern wegen des Umweges über Colmar verlassen haben. Man gleitet angenehm auf glattem Asphalt unter gewaltigen Platanen dahin, kerzengerade und in unserem Fall sogar mit Rückenwind. Das darf man ruhig auch mal geniessen, finden wir. Plötzlich, auf eine Strecke von etwa 20-30 Metern verteilt, liegen einige kapitale Hirschkäfer auf dem Boden. Einige mit abgetrenntem Hinterleib, andere fast ganz und noch lebend, aber mit aufgebrochenem Panzer. Was da wohl abging? Es sind alles Männchen. Ob die im Revierstreit von den hohen Bäumen gefallen und auf dem harten Asphalt zerbrochen sind? Oder war ein Fressfeind zu Gange? Wir sehen auch Nil- und später Kanadagänse - bei uns eingeführte oder ausgesetzte Arten, die hier anscheinend gut leben können. Ab und zu kommen uns hier auf dem Kanal schon mal Boote entgegen, aber eine "Marianne" ist nicht dabei. Auch die am Ufer vertäuten Hausboote heissen eher "Claire", "Nadine" oder "Etoile".

Wir nähern uns Strassbourg. Und kommen problemlos durch die Stadt. Man muss im Prinzip nur dem Kanal folgen, die Rheinroute ist sowieso gut ausgeschildert. Irgendwo haben sie einen dieser Wegweiser aufgestellt, der, in alle Himmelsrichtungen zeigend, die Entfernungen zu anderen Hauptstädten angibt. Schön und gut, aber als Radfahrer interessiert man sich dann doch eher für die Nahziele...
Im Hafen liegt eines dieser modernen Flusskreuzfahrtschiffe vertäut und wird mit Proviant für die Weiterfahrt versorgt, während die Fahrgäste gerade die Stadt besichtigen. Mal so eine längere Flussfahrt zu unternehmen spukt mir schon seit längerem im Kopf herum, zum Beispiel von Basel bis Rotterdam oder von Passau bis
 

ans Schwarze Meer. Halb ernst-, halb scherzhaft spielen wir mit dem Gedanken, bei denen da einfach an Bord zu gehen und anzufragen, ob sie noch eine Kajüte für zwei Personen frei hätten… Tja, Zeit müsste man haben - und die nötigen Mittel natürlich auch.

Wir radeln dann doch lieber weiter und gelangen in die Vorortbezirke im Norden der Stadt, wo uns die Beschilderung in den Wald von Robertsau leitet, ein gerne akzeptierter Szenenwechsel. Später geht es wieder über die Dörfer, mal ruhiger, mal mit etwas mehr Strassenverkehr. Da man auch in Frankreich nicht mehr in jedem Ort einen Lebensmittelladen findet, lassen wir die Chance zur Verproviantierung in Gestalt eines Supermarktes nicht ungenutzt vorüber ziehen. Die Supermärkte in Frankreich mit ihrem reichhaltigem Angebot würden/werden wohl so manchem Erdenbürger aus einer armen Region den Atem rauben. Nur allein schon wenn man Camembert kaufen will, gilt es unter Dutzenden von Produkten zu wählen. Von den kilometerlangen Weinregalen will ich gar nicht erst sprechen.

Diesem Wohlstandslabyrinth entflohen, nehmen wir die letzten Kilometer bis nach Drusenheim in Angriff. Unsere Unterkunft, ein Landgasthof mit reichlich Umschwung, liegt direkt am Ortseingang neben einer Verkehrsachse, allerdings etwas zurück gesetzt von dieser, so dass man nachts auch mit offenem Fenster schlafen kann, ohne all zu sehr gestört zu werden. Am Spätnachmittag können wir noch im Garten sitzen und lesen, doch während des Abendessens kommt ein Gewitter auf. Oh, diese hypochondrisch veranlagten Pappeln: Sie können bei Wind recht dramatisch tun und auch jetzt neigen sie ihre Wipfel, als ob ein Hurrikan über sie hinwegfegen würde. Die nebenan wachsenden Rotbuchen haben sich dagegen im Griff, sie bleiben cool und rühren sich kaum.


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