Pfingsten an der Lahn, das ist ein Erlebnis. Das muss man gesehen haben. Es reihen sich Campingplatz an Campingplatz und Zeltlager an Zeltlager. Der Lahntalradweg ist ab dem späten Vormittag nur mehr mit erhöhter Konzentration und Aufmerksamkeit zu befahren, denn die Radlerdichte ist gewaltig. Und der Fluss ist bald mit Kanus und Paddelbooten bedeckt. Zudem hat man ausgerechnet heute am Pfingstsonntag irgendwo in der Nähe eine Bundesstrasse für den Autoverkehr gesperrt und für Radfahrer, Spaziergänger und Inlineskater frei gegeben. Das hat auch Auswirkungen auf unser Tagesprogramm, wie man noch sehen wird.

Doch zuerst starten wir nach dem Frühstück in gewohnter Manier, verlassen Bad Ems und radeln durch eine Landschaft, die uns ein wenig an die Schweiz erinnert. Saftig grüne Wiesen mit Kühen darauf - das könnte auch bei uns um die Ecke sein. Diese erste Stunde am Morgen ist immer kostbar, mit der Ruhe ringsum, dem milden Licht und der eigenen Aufbruchstimmung.

Wir nähern uns dem Ort Oberndorf, wo wir eine Entscheidung treffen müssen, denn auf ein paar Kilometer Länge gibt es keinen Radweg im Talgrund. Entweder fahren wir auf dem offiziellen Radweg über einen Berg oder wir umgehen dieses topografische Hindernis elegant und nehmen die Eisenbahn bis zur nächsten Haltestelle. Weil Sonntag ist und man an diesem Tag doch alles etwas ruhiger angehen soll, entscheiden wir uns für maximale Eleganz und rollen in Oberndorf zum Bahnhof. Dort müssen wir jedoch erfahren, dass uns der Zug gerade vor der Nase davon gefahren ist. Also radeln wir wieder zurück in den Ort, genehmigen uns ein Kaffeepäuschen und machen uns eine Stunde später erneut auf dem Weg zum Bahnhof, um wenigstens den nächsten Anschluss zu erwischen…und kommen prompt nicht in den Zug, weil dieser mit Radlern total überfüllt ist. Alles Leute, die zum oben erwähnten Event mit der gesperrten Bundesstrasse wollen.

Dann doch etwas frustiert über die verplemperte Stunde fügen wir uns ins Unvermeidliche und nehmen den Anstieg in Angriff. Wie immer ist alles halb so schlimm, sobald man in der Steigung hängt und seinen Rhythmus gefunden hat. Man kommt voran und man kommt hinauf. Erstaunlicherweise klettern die Birdys recht gut. Und irgendwann sind wir oben angekommen und nehmen unsere Belohnung in Empfang: Einen weiten Panoramablick über das Land.

Nachher rollen wir mit angezogenen Bremsen auf der anderen Seite den Berg hinab und radeln weiter das enge Flusstal entlang. Unterwegs fallen uns Plakate und Transparente von Naturschützern auf, die sich gegen den Neubau eines Radweges
 

auf diesem Teilstück der Lahn wehren und auch welche der Gegenpartei, die sich eben dafür ausspricht. Eigentlich gäbe es ja für diesen Konflikt bereits eine passable Lösung, denn man könnte die paar Meter prima mit der Bahn abkürzen. Wenn diese nur etwas flexibler wäre und zu Stosszeiten einfach den ein oder anderen zusätzlichen Waggon anhängen würde.
Diese Episode liegt bald hinter uns. Und sehenswert ist es schon hier, keine Frage. Die vielen Ortschaften oder Städtchen mit ihrem malerischem Stadtbild. Diez wäre da beispielsweise unter einigen anderen hervorzuheben.

Schliesslich nähern wir uns Limburg, wo wir heute übernachten wollen. Die Stadt ist noch überfüllter als es Colmar neulich war. Im Dom feiern sie zusätzlich noch eine Priesterweihe. Wir finden trotzdem ein genehmes Hotelzimmer, und abends ist es wie überall: Die Tagesausflügler verziehen sich und man findet Platz in den Restaurants und Strassencafés. Und wieder versteht man, warum diese Stadt hier eine Menge Touristen anzieht. Man braucht sich ja nur das Stadtbild anschauen. Der Dom hat es auch in sich. Besonders heute, als er nach der Priesterweihe noch eine Stunde lang für Touristen geöffnet ist, sorgt der immer noch in dichten Schwaden wabernde Weihrauch für eine atmosphärische Stimmung, vor allen Dingen da, wo die Sonne durch die bunten Glasfenster scheint.

Später sitzen wir im Freien, essen erstaunlich fein und begutachten die vorbei flanierenden Touristen mit Kennerblick. Nur der Querflötenspieler nervt, der in unserer Nähe mehr schlecht als recht durch das Gebiet der klassischen Musik wildert, und auch vor zeitgenössischen Melodeien nicht zurückschreckt. Eine Querflöte kann unter Umständen, die heute durchaus gegeben sind, recht schrill sein. Ein einige Tische entfernt sitzender Herr bezeichnet die uns aufgedrängte musikalische Darbietung als Psychoterror und weist zudem darauf hin, dass das schon seit morgens um zehn Uhr so gehe. Wir wissen dann erst mal gar nicht, wem wir jetzt ob seines Durchhaltevermögens mehr Respekt zollen sollen, dem fleissigen Musikanten oder dem Wirtshausgast. Ersterer wird nach seinem Tagewerk vielleicht wunde Lippen haben, letzterer, seinem Zustand nach zu urteilen, garantiert in Schlangenlinien nach Hause wanken…

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